Martha Schultz

sonicboom Space: Martha Schultz im Interview

von Christian Domke-Seidel

Tourismus unter der Lupe: Wo die Krisen Schlange stehen

Der Tourismus hat mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen. Martha Schultz, Tiroler Unternehmerin und Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer, erläutert im Interview mit sonicboom, welche Lösungen es gibt. Und wie diese kommuniziert werden können. 

Der Tourismus kommt nicht zur Ruhe. Einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren Österreichs steht vor massiven Problemen, die einen Wandel der Branche unumgänglich machen. Von der Klimakatastrophe über den Fachkräftemangel bis zur Energieknappheit – die Herausforderungen sind vielschichtig. Martha Schultz ist Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreichs und selbst Tiroler Tourismusunternehmerin. Im Interview mit sonicboom spricht sie über diesen Beruf, Kommunikation in Krisenzeiten und die Vor- und Nachteile der Digitalisierung.

sonicboom: Frau Schultz, wie geht es Ihnen nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie?

Martha Schultz: Nach anstrengenden zweieinhalb Jahren ist aktuell die Zeit, um ein bisschen durchzuatmen. Die Betonung liegt hier auf “ein bisschen”. Denn der vorherrschende Arbeitskräftemangel und die hohen Energiekosten sind neue Herausforderungen, die wir bewältigen müssen und auch werden.

Das klingt nicht so, als würde die Wirtschaft und somit auch der Tourismus zur Ruhe kommen. 

Nein, es ist eher das Gegenteil der Fall. Aktuell rollt die nächste Welle an Problemen auf uns Unternehmer in diesem Bereich zu – Probleme, die wir nur als Kollektiv meisten können: Um die Energiepreissteigerung, allgemein die steigenden Kosten und den Fachkräftemangel zu lösen braucht es die Anstrengungen aller. Ein weiteres Problem sind aktuell die Verzögerungen bei den Lieferketten – viele Produkte kommen später oder gar nicht an. Auch wir Unternehmer passen uns hier den aktuellen Gegebenheiten an und versuchen, das Beste aus den vorherrschenden Situationen zu machen.

Ist der Klimawandel auch ein Thema? 

Der Klimawandel ist natürlich eines der bestimmenden Themen in unserer Zeit – und für den Tourismus richtungsweisend. Die Urlauber werden aber weiterhin zu uns kommen, da bin ich mir sicher. Bei uns finden sie Ruhe, frische Luft und vor allem die Kraft der Berge – danach sehnen sich sehr viele Leute! Neben dem Klimawandel haben wir aktuell noch viele andere Herausforderungen zu meistern: die Energiekosten, das Image der Branche und vor allem den Arbeitskräftemangel. Im Tourismus gibt es noch zusätzlich das Grundsatzproblem, dass Familie und Beruf hier sehr schwer zu vereinbaren sind.

Wie lösen Sie das Problem des Fachkräftemangels?

Diesen gibt es in allen Branchen und nicht nur im Tourismus-Sektor. Um diese Schwierigkeit zu bewältigen, brauchen Unternehmen eindeutige Werte, die sie kommunizieren um so genau die richtigen Arbeitnehmer ansprechen. Die Arbeitnehmer müssen sich voll mit dem Unternehmen identifizieren können. Denn den jüngeren Generationen der Angestellten und Arbeiter geht es nicht nur um das Gehalt – es sind viele unterschiedliche Punkte, die bei der Rekrutierung dieser berücksichtigt werden müssen, …

Die auch mit der Kommunikation zusammenhängen. Wie erzeugen Sie dieses positive Image? 

Im Bergtourismus sind die Themen Freiheit und Natur das „A und O“ – deshalb kommen ja nicht nur die Urlauber zu uns, auch die Mitarbeiter. Zusätzlich legen wir als familiengeführtes Unternehmen schon seit Jahren unseren Fokus auf Regionalität. Auch die wichtige Kreislaufwirtschaft ist für uns, seit unser Familienunternehmen vor knapp hundert Jahren von meiner Urgroßmutter gegründet wurde, ein großes Thema. All unsere Betriebe legen ein besonderes Augenmerk auf diese Werte, wir als Unternehmer und unsere langjährigen Mitarbeitenden leben diese vor; diese Authentizität und die Ehrlichkeit spüren auch unsere Gäste und sie freuen sich, dass unsere Mitarbeitenden diese mittragen.

Braucht der Tourismus in Österreich politische Lobbyarbeit?

Wie jede andere Branche, brauchen auch wir im Tourismus politische Lobbyarbeit. Dadurch werden aktuelle Themen angesprochen und auch vor den Vorhang geholt. Aktuell ist das Problem des Tourismus, dass dieser sehr kleinteilig strukturiert ist. 95 Prozent der Unternehmen sind kleinere und mittlere Betriebe – Großteils familiengeführt. Dabei ist oft jedes Familienmitglied mit der Arbeit vor Ort beschäftigt und hat damit wenig Zeit, sich auch politisch einzubringen. Dafür braucht es die Interessensvertretungen gegenüber der Politik mehr denn je.

Welche energiesparenden Maßnahmen setzen Tourismusbetriebe aktuell?

Hier setzen wir unter den touristischen Unternehmern auf Eigenverantwortung. Jeder kennt seinen eigenen Betrieb am besten und weiß, wo er einsparen kann. Im Skigebiet Hochzillertal zum Beispiel werden wir heuer auf den Nachtskilauf und auch auf Beleuchtungen, sofern diese nicht der Sicherheit dienen, verzichten. Wobei in unseren Skigebieten bereits in den letzten Jahren in Energiespar-Maßnahmen investiert wurde: Durch die neuen Anlagen können wir bereits etwa 20 Prozent des Energiebedarfs gegenüber von vor 10 Jahren einsparen.

Auch das Thema Sonnenenergie ist uns sehr wichtig: Bei uns im Unternehmen haben wir eine der größten PV-Anlagen des Zillertals stehen. Auch unsere Liftstationen sind – sofern es möglich ist – mit PV-Anlagen ausgestattet. Und unsere Beschneiungs-Anlagen hängen an Klein-Wasserkraftwerken direkt im Skigebiet. Bei diesen energiesparenden Maßnahmen sind allerdings oftmals sehr lange dauernde Genehmigungsverfahren ein großes Problem. Wir wollen noch mehr Energie einsparen – es braucht aber die richtigen Rahmenbedingungen und eine rasche Umsetzung der Bedingungen. Und diese Rahmenbedingungen müssen von der Politik geschaffen werden!

Wenn ich an die Kommunikation denke: Wie bringen sie diese Themen in den Vordergrund? In der Öffentlichkeit sind die Lift- und Hotelbetreiber an allem schuld…

Hier arbeiten wir, auch abseits der Öffentlichkeit, als Interessenvertretung stark an einer Verbesserung – wir haben viele Meetings dazu. Wir müssen und werden auch klar kommunizieren, dass es auch unser Interesse ist, Energie zu sparen. 

Digitale Kommunikation im Tourismus geht Hand in Hand mit Buchungsplattformen. Wie wichtig sind diese für Sie? Würden Sie lieber ohne zurechtkommen? 

Mit den Buchungsplattformen gibt es eine gute Zusammenarbeit. Die Plattformen bieten dem Kunden einen hohen Service, einen leichten Weg Angebote zu vergleichen und eine gewisse Sicherheit. Unsere Betriebe sind auf den verschiedensten Plattformen vertreten, wir schöpfen hier alle gegebenen Möglichkeiten aus, wie etwa Reisveranstalter, Online-Travel-Agencys oder Buchungsplattformen. Ich finde das spannend, weil man sich so den internationalen Märkten öffnet, auf denen man sich allein vielleicht schwertut. Interessanterweise gehen die Gästezahlen über diese Plattformen zurück. Immer mehr Kunden buchen wieder direkt bei den Hotels!

Es gibt aber auch Kritik an den Plattformen…

Für uns Touristiker ist es ein großes Problem, wenn die Plattformen den Preis für eine Buchung unter ihren Einkaufspreis senken und so auch den Preis der Direktbuchung unterbieten. Dann verlangt der Kunde im Hotel nach der gleichen Ermäßigung. Mir persönlich ist allerdings wichtig, dass jeder Hotelgast bei uns für die gleiche Leistung den gleichen Preis zahlt. Ich will niemanden benachteiligen oder bevorteilen!

… andere kritisieren oft die Bewertungssysteme. 

Dort wird man zum Teil unter Druck gesetzt, weil Kunden mit schlechten Bewertungen drohen, falls man ihnen nicht gibt, was sie wollen. Wir ermutigen die Kunden aber trotzdem, unsere Betriebe zu bewerten – wir freuen uns über jede positive Bewertung und sehen die negativen, „echten“ als konstruktive Kritik. So verbessern wir unser Angebot ständig und passen es noch genauer an die Bedürfnisse der Urlaubenden an. 

Oftmals passieren diese schlechten Bewertungen mutwillig. Lassen sich diese überhaupt verhindern?

Man kann Google darauf hinweisen, dass die Bewertung nicht stimmt oder darum bitten, diese rauszunehmen. Vor allem, wenn man den Nachweis erbringen kann, dass der Kunde gar nicht vor Ort war, gehören diese Kommentare gelöscht. Inzwischen ist es heutzutage leider auch gang und gäbe, dass schlechte Bewertungen auch von Mitbewerben kommen. Ein anderes Beispiel, warum wir oft ohne Grund schlecht bewertet werden, ist das Wetter. Wenn ich heute wegen eines Gewitters die Seilbahn schließen muss, kriege ich morgen schlechte Bewertungen. Diese kann ich zwar beantworten und erklären; an der negativen Bewertung ändert das nichts mehr und die schlechtere Sternebewertung bleibt online. Konstruktive Kritik ist aber – wie bereits erwähnt – gerne gesehen.

Ein anderes Phänomen dieser Plattformen ist, dass Hot Spots noch beliebter werden, während kleinere Anbieter und Gegenden keine Aufmerksamkeit bekommen. Sehen sie diese Spirale auch? 

Die großen Skiregionen haben viel Platz und es braucht schon einen riesigen Ansturm, um deren Pisten wirklich voll zu kriegen. Wie viele Personen in ein Skigebiet kommen entscheidet sich aber nicht anhand der Online-Bewertungen. 

Wie können Sie ein jüngeres Publikum erreichen? 

Das funktioniert heutzutage nur noch über Social Media – wobei man natürlich die verschiedenen Social-Media-Plattformen nutzen muss. Je nach Zielgruppe wird eine andere Plattform verwendet: Bei Facebook erreicht man etwa ein immer älter werdendes Publikum – hier spricht man Personen ab etwa 40 Jahren an – somit die passende Zielgruppe für unsere Hotels in der gehobenen Kategorie. Bei den Skigebieten setzen wir auf Instagram und inzwischen auch stark auf TikTok. Auf diesen Plattformen erreicht man jüngere Menschen am besten. Hier muss man allerdings immer aktuell bleiben, und wissen, was gerade angesagt ist. Trends spielen hier auch eine große Rolle!

Wie ist das Feedback auf diesen Kanälen?

Es ist interessant zu sehen, welche Gäste in welchem Hotel posten, uns verlinken und generell Social Media benützen. Im Gradonna****s Mountain Resort in Kals in Osttirol zum Beispiel sind die Gäste sehr aktiv. Sie posten viel auf Instagram und Facebook – und interagieren auch mit unserem Profil. In der Dolomiten Residez****s Sporthotel Silian ist es hingegen selten. Gäste lesen dort viel mit, posten aber nicht selbst. Auf den Profilen der Bergbahnen, also Spieljoch und Hochzillertal, gibt es viele Interaktionen was wahrscheinlich aufgrund des jüngeren und aktiveren Publikums ist.

Haben Sie noch einen Rat für Kollegen, die jetzt im Tourismus anfangen? 

Die Authentizität des Unternehmers ist sehr wichtig und wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Der respektvolle Umgang mit den Mitarbeitenden ist das A und O in der Rekrutierung – und auch in der Akquise von Gästen. Diese Ehrlichkeit ist auch in der Bildsprache in der Werbung und auf Social Media wichtig. Alles ist gut, solange es der Wahrheit entspricht. Es kann sein, dass es dann etwas länger dauert, bis man seinen Kundenstamm gefunden hat – aber Ehrlichkeit währt am längsten und so schaffst du es aus Gästen Stammgäste zu machen; und somit auch zu Werbeträgern.

Natürlich muss man schon vorher festlegen, welche Ziele man erreichen will. Rein mit Online-Marketing füllt man auch heutzutage kein Haus, gibt keine Stimmung weiter oder hält Stammgäste. Das Gesamtpaket muss stimmen. Das eine geht ohne das andere nicht. Die Leidenschaft, die man als Unternehmer einfließen lässt, die muss man rüberbringen und somit eine Begeisterung für den Betrieb schaffen.

MARTHA SCHULTZ IM WEB: