Siniša Vidović im sonicboom Space

sonicboom Space: Siniša Vidović im Interview

von Christian Domke-Seidel

Den Kunden mutig machen

Siniša Vidović gelang, wovon viele Kreative in ihrer Karriere nur träumen können – eine virale Kampagne. Doch selbst in Linz, der beworbenen Stadt, waren zunächst nicht alle darüber glücklich.

Eine Stadt für Senioren soll Linz sein. Eine Mischung aus Stadt und Dorf. Und überhaupt ein wenig rassistisch. Ein klassisches Tourismusvideo, das für eine Stadt werben soll, fängt so eher nicht an. Aber genau deswegen hat Siniša Vidović den Einstieg so kreiert. Denn er wollte ein ehrliches Werk abliefern. Eines, das diejenigen nach Linz lockt, die etwas neugieriger in Österreich unterwegs sind. Diejenigen, die Salzburg und Wien schon abgehakt haben. Viele kritisierten das Video. Bürgermeister Klaus Luger nannte es eine „misslungene Kampagne“, die es unter seiner Verantwortung „keinen Tag gegeben hätte“. Doch noch mehr Menschen feierten es. Die Klickzahlen explodierten und es hagelte Preise. Nach „Linz ist Linz“ kamen „Planet Linz“ und „Der Prinz von Linz“ und es entstand eine überaus erfolgreiche Trilogie. Wie so etwas klappen kann und woher der Mut des Kunden kam, bespricht Siniša Vidović, Geschäftsführer von Forafilm, im großen sonicboom Space- Interview.

 

Bist du mit Klaus Luger mittlerweile per du?

Ich würde nicht sagen, dass wir per du sind, aber wir haben uns bei den Dreharbeiten für ‚Der Prinz von Linz‘ getroffen. Auch bei diversen Veranstaltungen haben wir uns gesehen und mal ‚Hallo‘ gesagt.

Habt ihr euch mal ausgesprochen?

Wir haben nicht richtig über das Ganze gesprochen, weil ich eigentlich dahingehend nie Bedarf oder Schuldgefühle hatte. Das Ganze ist eine Geschichte zwischen dem Tourismusverband Linz und Klaus Luger.

Wie habt ihr damals auf die Kritik von ihm auf eure Videos reagiert?

Grundsätzlich ziemlich gelassen, weil unser Kunde das Video ja kannte.

Und zwei Jahre später tritt Klaus Luger im dritten Video auf.

Wir haben uns gedacht, es wäre cool, wenn wir ihn im dritten Teil drinnen hätten. Quasi als Happy End. Er hat dann lustigerweise ‚Ja‘ gesagt, kam zum Drehort und es war entspannt. Innerhalb von zehn Minuten hatten wir mit ihm alles abgedreht. Es ist ein schöner und runder Abschluss.

Für die Kampagne habt ihr eine Vielzahl an Preisen gewonnen. Welcher ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Wir haben über zwanzig internationale Preise bekommen. Darunter auch der dritte Platz bei den ‚Worlds Best Tourist Film‘, bei dem eine weltweite Konkurrenz antritt. Aber eine besondere Ehre sind die CCA-Awards, also der Creative Club Austria – der wichtigste Werbepreis in Österreich. Da haben wir den Film in vier Kategorien eingereicht und haben viermal gewonnen.

Aber wie verkauft man eine derartig mutige Kampagne, deren Erfolg natürlich alles andere als vorprogrammiert ist, an einen Kunden?

Wir arbeiten mit Linz Tourismus schon seit dem Jahr 2017. Der Kunde hat diese Zusammenarbeit wirklich sehr geschätzt, weil wir immer neue Formate entwickelt haben und ein gegenseitiges Vertrauen entstanden ist. Sie haben sich dann von uns eine ganze Kampagne gewünscht, obwohl wir keine Werbeagentur sind und bis dahin immer nur Videoproduktionen gemacht hatten. Damals war der Lockdown gerade vorbei und alle Urlaubsdestinationen haben ihre Werbung gepusht. Und alles hat gleich ausgeschaut: Sonnenuntergang, jemand springt ins Wasser, Drohnen-Shot. Der Wunsch war, etwas mutiger und mit Augenzwinkern zu sein. Wir haben uns daraufhin entschieden, etwas Ehrliches zu machen. Weil wir kein Video machen können, in dem Linz schöner aussieht als Salzburg oder Wien. Das wäre für mich nicht ehrlich.

Wen sollte die Kampagne denn ansprechen?

Ganz ehrlich: Wir hatten keine Strategie, in der wir die Zielgruppen analysiert haben. Wir wollten Aufmerksamkeit und am besten ein virales Video. Das Video sollte für alle sein, die neugierig sind und keinen klischeehaften Urlaub in Österreich brauchen. Dadurch, dass das Video sehr viele Diskussionen angestoßen hat, hat das auch geklappt. In der ZIB wurde die Kampagne behandelt und viele Größen der Werbebranche haben sie öffentlich kritisiert.

Hattet ihr Nervenflattern?

Ich habe das genossen, wirklich. Es war eine Ausnahmesituation, ein Ausnahmezustand. Ständig hat jemand angerufen, es gab diverse Interviewanfragen. Es war stressig, all die Kommentare und News zu lesen, weil plötzlich auch Armin Wolf, Christian Kern und Florian Klenk das Video verbreitet haben. Wir waren bei Twitter und YouTube in den Trends. Schon am ersten Tag wurden wir in der ZIB besprochen. Nicht nur einmal, sondern zu fast jeder Sendezeit.

Trotz des guten Verhältnisses ist es erstaunlich, dass der Tourismusverband so viel Mut hatte.

Die Zeit vor der Veröffentlichung war tatsächlich die größere Zitterpartie. Der Kunde hat ein paar Szenen infrage gestellt. Die ersten Reaktionen waren durchaus positiv. Aber dann geht man in die Tiefe und schaut sich das Video ein zweites und drittes Mal an. Und dann werden manche Szenen hinterfragt. Ob die Szene mit dem Rassismus vorkommen muss. Oder ob wirklich jemand im Ars-Elektronica-Center speiben muss. Mein Move war aber, dass ich vorab schon einige Leute um Feedback gebeten hatte. Zum Beispiel den Chef vom Ars-Elektronica-Center. Ich habe ihn gefragt, ob er den Humor versteht oder ob die Szene ein Problem ist. Er sagte sogar, das sei schon öfter vorgekommen. So ein Video funktioniert nicht, wenn man Kompromisse macht. Das funktioniert nur auf voller Lautstärke.

Wie seid ihr – trotz all des Lobes – mit der Kritik umgegangen?

Jede Kritik wurde mit einem Lob wieder gutgemacht. Es gibt wahnsinnig gute Resonanz, sodass ich nicht empfindlich bin, wenn jemand schreibt, es sei das schlechteste Video überhaupt. Wäre das Feedback nur kritisch, dann hätte man sich Gedanken machen und hinterfragen müssen. Am meisten haben mich die Werbeprofis aufgeregt. Natürlich verstehe ich sie, die verkaufen ja auch sehr viel Theorie. Und dann kommen wir und hauen die mit einem Video zusammen, dass du so in keinem Lehrbuch findest. Deswegen sind mir auch die Auszeichnungen der CCA so wichtig. Das ist die Entscheidung einer Jury, in der ausschließlich Experten sitzen.

Könntest du mich mal so ein bisschen durch die Grundvoraussetzungen führen, die erfüllt sein müssen, um Erfolg mit einem Video zu haben?

Beim ersten Video ist es klar. Das ist gut angekommen, weil es keine klassische Werbung ist. In den ersten zehn Sekunden wird man getriggert. Die Bombe platzt mit ‚Wir sind rassistisch‘. Jeder denkt sich: ‚What the fuck!‘ Der Humor und die Selbstironie haben das Video so erfolgreich gemacht. Es kommt außerdem authentisch und ehrlich rüber. Es gibt sehr viel Insider-Jokes, die nur Linzer verstehen, wie etwa der Straßenmusikant.

Und das zweite Video?

Bei Planet-Linz gab es keinen Plan, dass es viral geht. Das war aber unsere Absicht. Die Strategie, die wir gehabt haben, war, dass wir nicht zweimal das Gleiche machen können, weil der Überraschungseffekt weg wäre. Wir haben mit ‚Linz ist Linz‘ viel Aufmerksamkeit für die Stadt bekommen. Die Aufgabe der zweiten Kampagne‚ ‚Planet Linz‘, war Storytelling und die Etablierung des Begriffs ‚Planet Linz‘. Der Zugang war, wieder etwas zu machen, was keiner macht. In Zeiten der kurzen Aufmerksamkeitsspanne war das eben ein Zehn-Minuten-Video. Wir wollten etwas kreieren, das Blockbuster-Qualität hat. Der Release fand deswegen nicht online statt, sondern in den Kinos – nicht als Werbeblock oder Trailer, sondern als Vorfilm. Und auch das nur in Arthouse-Kinos.

Teil drei heißt ‚Der Prinz von Linz‘.

Davor haben wir recherchiert, wer in der aktuellen Popkultur die Bösewichte sind. James Bond reflektiert das immer sehr gut. Bei „No time to die“ geht es um einen tödlichen Virus und der Bösewicht trägt eine asiatische Maske. Jetzt gibt es den sogenannten Succession-Effect – die Superreichen sind die aktuellen Bösewichte. Der Begriff leitet sich von der gleichnamigen Serie ab. Auf den ‚Prinz von Linz‘ umgemünzt hieß das, ein Video zu machen, in dem die kleinen Dinge im Leben zählen.

Wie würdet ihr eine vierte Kampagne angehen, jetzt, wo ihr alles durchgespielt habt? Ist jetzt vielleicht Minimalismus angesagt?

Bei den Dreharbeiten von ‚Der Prinz von Linz‘ habe ich zum Kunden gesagt, dass der dritte Teil der krönende Abschluss ist. Mit der Trilogie fühle ich mich wohl. Ich will nicht als derjenige in Erinnerung bleiben, der jedes Jahr ein Linz-Video macht. Ich will weiter mit dem Kunden arbeiten, aber es muss ein anderes Format sein. Eine Lesung oder eine Ausstellung. Und wenn es doch Videos werden, dann muss es eine minimalistische Kurzform sein – eine Reihe, kein fettes Video. Man will sich immer toppen, aber das muss man kreativ tun. Aktuell produzieren wir etwas, aber dazu kann ich nur verraten, dass es auch etwas Neues sein wird.

Ich hoffe, es ist wieder ein so mutiger Kunde.

Mit einem mutigen Kunden ist es leicht. Aber ich habe viel gekämpft und Energie investiert, um den Kunden mutig zu machen. Meine Mitarbeiter sagen, sie werden nie vergessen, wie oft ich vor dem Release am Telefon war. Der Kunde ist nicht automatisch mutig. Nach den Linz-Videos kamen viele Anfragen von Kunden, die auch ein mutiges Video wollten. Dann präsentiert man etwas und plötzlich sind sie gar nicht mehr mutig und machen einen Rückzieher. Das Wichtigste ist deswegen, Vertrauen aufzubauen und eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu haben.

 

Siniša Vidović und FORAFILM im Web