Lisa Brandstätter von Vier Pfoten

sonicboom Space: Lisa Brandstätter im Interview

von Christian Domke-Seidel

Happy End gegen Dauerkrise: Digitale Aufmerksamkeit für NGO. Ein Interview mit Lisa Brandstätter von Vier Pfoten.

Lisa Brandstätter ist Leiterin der digitalen Kommunikation bei Vier Pfoten. Im Interview erklärt sie, wie Tierschutz trotz globaler Krisen die Aufmerksamkeit und Spenden bekommt, die er verdient. Dank digitaler Kommunikation.

Krieg in der Ukraine. Inflation und Klimakatastrophe auf der ganzen Welt. Diese multiple Krise bestimmt die Nachrichten. Doch nur, weil die meisten Newsquellen nicht darüber berichten, sind andere Probleme nicht gelöst. Tierleid zum Beispiel. Vielmehr sind Krieg und Klimakatastrophe mit dem Schicksal von Tieren eng verknüpft. Lisa Brandstätter ist die Leiterin der digitalen Kommunikation von Vier Pfoten. Im Interview im sonicboom erklärt sie, wie der Tierschutzverein inmitten der Krisen genug Aufmerksamkeit bekommt. Spoiler: Es braucht öfter mal ein Happy End.

sonicboom: Was sind die Schwerpunkte von Vier Pfoten? Inwiefern positioniert ihr euch anders als Greenpeace oder WWF? 

Lisa Brandstätter: Wir setzen uns für Tiere unter direktem menschlichem Einfluss ein. Und wir versuchen Missstände aufzudecken und Tiere in Not zu retten. In unseren Tierschutzzentren beschützen wir sie dann. Wir haben verschiedene Schwerpunkte, bei denen sich die entsprechenden Fachleute untereinander austauschen und Kampagnen erarbeiten. 

Was sind das für Schwerpunkte?

Wir haben Companion Animals, also Haustiere, sogenannte Nutztiere und, ein sehr großes Thema, Wild Animals – also Großkatzen, Orang-Utans oder Bären. Aber immer unter dem Aspekt des menschlichen Einflusses. Also Tiere aus dem Zoo oder dem Zirkus. Oft werden wir auch vom Ministerium direkt angerufen und gebeten, zur Hilfe zu kommen. 

An wen richtet ihr euch?

Prinzipiell leben wir zu hundert Prozent von Spenden. Das heißt, wir wollen möglichst viele Spenderinnen und Spender erreichen. Unser Zielpublikum ist also sehr breit gestreut. Das geht von  20-Jährigen, die uns auf Instagram folgen, bis zur 65-jährigen Katzenliebhaberin, die unsere Postmailings bekommt. Das bedeutet, wir müssen immer sehr genau schauen, auf welchem Kanal wir welche Target-Audience ansprechen. 

Wie funktioniert das in einer globalen NGO? 

Unser Headquarter ist in Wien, dort ist auch das internationale Team angesiedelt. Dann gibt es noch in über 15 verschiedene Länder eigene Kommunikationsabteilungen, die sich um die Unterstützerinnen und Unterstützerin in ihren Ländern kümmern. Das internationale Team bedient alle anderen Länder, in denen es kein eigenes, nationales Team gibt. Wichtig dabei ist, dass das internationale Team so etwas wie einen Content-Hub darstellt. Wir bereiten viele Inhalte auf. Ob es jetzt internationale Kampagnen sind oder einzelne Instagram-Reels. Die nationalen Teams übernehmen was für ihre Zielgruppe passt, müssen aber die Message noch anpassen. Und das ist eben oft mehr, als es einfach nur zu übersetzen. 

Was sind eure wichtigsten Kanäle?

In meiner Funktion als Head of Digital Communications sind das natürlich die sozialen Medien. Also Facebook, Instagram, Twitter und YouTube. Auch LinkedIn wächst immer stärker. Wir arbeiten sehr eng mit dem Fundraising, aber auch der internen Kommunikation zusammen, da wir mittlerweile über 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, die natürlich ausgezeichnete Multiplikatoren und Botschafter sind. Dazu kommen klassische Kanäle wie die Presse. 

NGO leben enorm von ihrer Glaubwürdigkeit. Die kann aber nur über die richtigen Beschäftigten erreicht werden. Wer arbeitet denn bei euch? Ist das ein besonderer Schlag Mensch?

Man muss eine gewisse Grundmotivation für das Thema haben. Es ist nie schlecht, wenn man tierschutz- oder tieraffin ist. Speziell in der Kommunikationsabteilung ist es aber auch wichtig, dass du sehr effizient und schnell arbeiten kannst. Im Tierschutzbereich allgemein und speziell in der digitalen Kommunikation geht es sehr schnelllebig zu. Wir müssen auf Züge aufspringen und Trends bedienen. 

Das ist aber eher intrinsisch motiviert. 

In einer NGO ist nicht das große Geld zu verdienen. Aber man darf nicht vergessen, dass ich am Ende des Tages einen der größten Benefits bekomme. Ich gehe nach Hause und weiß, dass ich etwas Gutes getan habe. Arbeitet man in einer Agentur oder einem Konzern, kann man das nicht unbedingt. Ich finde das großartig und glaube auch, dass vor allem die jüngere Generation, also die Generation Z, ein gesteigertes Interesse daran hat. 

Ist das eine Generation, an die ihr euch speziell wendet bei Mitarbeiterausschreibungen?

Noch nicht. Wir haben zum Beispiel noch keinen TikTok-Kanal. Aber das ist natürlich eine Zielgruppe, die wir auch bedienen müssen. Viele unserer Spenderinnen und Spender sind natürlich schon älter. Natürlich rücken deswegen die jüngeren Menschen in den Fokus. Damit ändert sich aber auch das Spenderverhalten. Jüngere spenden weniger für Organisationen, dafür aber mehr für Themen. Auf schnelllebigen Kanälen wie TikTok oder Instagram muss dafür der entsprechende Content geliefert werden. Und zwar customized.

Was bedeutet „customized“?

Ein praktisches Beispiel. Es gibt zwei Elefanten mit extremen Zahnprobleme. Zu denen fährt ein Team und macht eine noch nie dagewesene Operation. Weil wir davon wissen, binden wir sehr früh unser Social-Media- und Kommunikationsteam mit ein. Im besten Fall ist ein:e Fotograf:in vor Ort und das Inhouse-Videoteam. Wir brauchen also Storyteller:innen, die Emotionen in Content verwandeln können. Es gibt dann beispielsweise eine Media-Compilation für die Presse, ein langes Video für YouTube und neun kurze im Hochformat für Instagram. Sollte gerade auch noch eine offene Stelle für so ein Team verfügbar sein, stellen wir das Ganze auch auf LinkedIn und fragen, ob nicht jemand interessiert daran ist so etwas live zu erleben und bei uns zu arbeiten. 

Klar, du hast vorher die intrinsische Motivation angesprochen, aber grundsätzlich unterscheidet sich das nicht von der Arbeit in modernen Agenturen.

Das stimmt. Ein Unterschied ist natürlich, dass unsere Kunden vier Pfoten haben und nicht sprechen können. Das heißt, wir versuchen, die Tiere bestmöglich kommunikativ zu vertreten. Da muss man schon anders herangehen, als an eine klassische Marke eines Unternehmens. Wir kreieren ein ganz anderes Storytelling. Und wenn ich an die Arbeit in einer Agentur denke, muss ich schon fragen: Wann ist man da jemals bei einer Rettungsaktion dabei?  

Tierschutz ist eine sehr beliebte Aussage. Gibt es denn irgendjemanden, der euch widerspricht?

Es gibt immer verschiedene Meinungen darüber, wie gut oder schlecht es Tieren geht. Natürlich kann man zum Beispiel sagen, dass ein Zoo auch zum Artenerhalt beiträgt. Aber ist das nachhaltig? Sollte ein Tier so leben? Da gibt es immer unterschiedliche Meinungen. Und unterschiedliche Gesetze. In Österreich sind Pelzfarmen beispielsweise schon lange verboten. In Polen, Griechenland oder Finnland gibt es sie aber noch. Dort werden Füchse und Nerze in Käfige gestopft, bis ihnen irgendwann das Fell abgezogen wird. 

Ist es auch eine Aufgabe von euch, Awareness zu schaffen?

Das ist eine der wichtigsten Aufgaben. Wir können nicht jeden Fuchs in jeder Farm retten. Das wären Millionen Tiere. Dafür muss eine Gesetzesänderung her. Und wer eine Gesetzesänderung durchbringen will, muss erst einmal Awareness schaffen.

Eure Themen sind politisch sehr aufgeladen. Sie werden oft etwas fern von Fakten diskutiert. Wie geht ihr das an?

Wir zeigen ungern mit dem Finger auf Leute und erklären ihnen, dass sie vegan leben sollen. Das ist nicht unser Weg. Wir versuchen immer, eine sehr realitätsnahe Kommunikation zu machen. Eine transparente Kommunikation, bei der wir die Probleme aufzeigen und Lösungen anbieten. Es bringt nichts, ein Ziel zu kommunizieren, das utopisch ist. 

Wie macht man das inhaltlich? 

Bei unseren Kampagnen versuchen wir, einen guten Content-Mix hinzubekommen. Aktuell gibt es viele Krisen. Wir probieren deswegen vermehrt, positive Geschichten unterzubringen. Nur, wenn wir die bringen, können wir auch von etwas Negativem berichten. Wir haben sehr viel Rückmeldung von der Community bekommen, dass genau diese Happy-End-Stories, diese Rettungen, genauso wichtig sind, wie die Meldungen zur Klimakrise oder Tiertransporten. 

Bekommt ihr so zwischen Corona, Inflation und Krieg die Aufmerksamkeit, die ihr braucht?

Ja. Durch diesen Content-Mix. Leider gelingt uns das nicht immer, weil wir so viele Themen haben. Und natürlich will jede Abteilung den Platz in den Social-Media-Kanälen bekommen. Wenn wir einer Kampagne oder einer Rettungsmission eine Bühne geben, rückt eine andere in den Hintergrund. Diese Entscheidungen sind schwierig. Trifft man sie richtig, hat die Community ein bisschen mehr das Gefühl, live dabei zu sein. So wird die Botschaft vermittelt, dass es jetzt die Chance gibt, ganz konkret etwas Gutes zu tun.

Wie entscheidet ihr, welcher Content den Platz auf der Bühne bekommt? 

Es gibt natürlich eine Fünf-Jahres-Strategie. Darin sind gewisse Themen und Kampagnen festgelegt und die haben Priorität. Rettungen passieren aber spontan. Aber wir wissen natürlich, welche Geschichten gut funktionieren und welche nicht so gut. Die Stories, die Potenzial haben, genießen Vorrang. Weil wir aus der Erfahrung wissen, dass sie gut performen, emotionalisieren und so viele Spenden einbringen. 

Wie erklärt man das den Mitarbeiter:innen, deren Content nicht prominent gefeatured wird?

Seit drei Jahren haben wir einen internen Newsletter. Dort wird kurz und knackig erklärt, welche drei Postings am besten performt haben. Und welche Postings die wenigsten Interaktionen hatten. Dazu kommen die Social-Media-Trends der Woche. Die Kolleginnen und Kollegen, die den verfolgen, haben auch das Verständnis für die Entscheidungen, welche Posts gefeatured werden. Intern ist sehr viel Aufklärung über Social Media notwendig. 

Gibt es etwas, das ihr heute anders macht, als vor der Corona-Pandemie?

Im Lockdown haben wir einen morgendlichen Teamaustausch eingeführt. Ein Meeting, in dem man 15 bis 20 Minuten Dinge bespricht, die nicht mit der Arbeit zu tun haben müssen. Das hat der mentalen Gesundheit geholfen. Die Stimmen und Gesichter der Kollegen zu erleben ist so etwas wie ein Erfolgsrezept gewesen, damit das Team auch enger zusammenwächst. 

Und hat sich das Feedback eurer Spender:innen verändert?

Die Spenden sind nicht weniger geworden. Die Menschen haben trotzdem wirklich viel für Tiere übrig. Wir sehen, dass in Krisenzeiten Tiere genauso wichtig sind wie Menschen. Oder Tierwohl den Menschen einfach etwas bringt. 

Was sind die nächsten Schwerpunkte?

Inhaltlich auf jeden Fall die Klimakrise. Darauf werden wir uns noch mehr fokussieren. Wir wollen das Thema mit dem Tierschutz verbinden. Das bedeutet, dass sehr viel Awarness geschaffen werden muss. Was wir noch angehen ist eine ECI – eine European Citizen Initiative. Dafür braucht man 1,4 Millionen Unterschriften, dann muss das entsprechende Thema im EU-Rat besprochen werden. Unsere ECI richtet sich gegen Pelzfarmen. 

LISA BRANDSTÄTTER UND VIER PFOTEN AIM WEB: